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Liebe Gemeinde,
Wie oft haben wir in schwierigen Situationen den Zuspruch Gottes, wie ihn der Profet Jesaja weitergibt, benutzt, um uns selber und anderen Mut zu zusprechen, Trost und Hoffnung zu spenden in schweren Zeiten und den Blick zu richten, auf das Danach, wenn alles Schwere überstanden sein wird. Oftmals haben wir diesen Text bei Taufen als Taufspruch verwendet, und viele Eltern haben ihn sich als solchen für ihre Täuflinge ausgesucht. Doch dieser Weg der Trostpredigt funktioniert hier nicht. Zumindest haben wir im Augenblick das Gefühl es sei so. Es gibt auch keine Schuldigen wie bei einem Terroranschlag. Es ist nicht ein Leid, das überschaubar ist und wieder schnell vorüber geht. Es ist Ein Leid von so schrecklichem Ausmaß, das einen Teil unserer Mitmenschen Länder übergreifend, Nationen übergreifend getroffen hat, so dass es uns die Sprache verschlägt. Es ist das blanke Entsetzen das uns ergreift, und das vor allem bei den Überlebenden in ihren Gesichtern abzulesen ist. Hütten und Häuser, mit tausenden von Menschen sind in wenigen Minuten einfach weggeschwemmt worden. Ganze Straßenzüge und Inselteile sind im Meer versunken. Und der Geruch des Todes liegt über Südasien.
Hunderte die abseits vom Alltagsstress Ruhe und Erholung suchten, haben den Tod gefunden und mit ihnen tausende von Einheimischen, die zu den Ärmsten der Armen auf unserer Erde gehören. Die Nachrichten und Bilder die uns im Fernsehen erreichen und die Berichte in den Zeitungen rütteln uns auf. Für all diejenigen die vom Unglück betroffen sind, ist der Zuspruch des Jesaja: "so du durchs Wasser gehst sollen die Ströme dich nicht ersäufen" eine Worthülse. Zumindest empfinden wir dies so. Und wieder einmal drängt sich die Frage auf wo denn der liebende Gott gewesen ist als dieses Mal die Erde bebte. Und wir müssen auch als Vertreter der Kirchen ehrlicherweise sagen, wir haben keine Antwort. Überhaupt gibt es mehr Fragen als Antworten.
Wir erfahren in diesen Tagen etwas davon, wie zerbrechlich Menschen sind und von welch kurzem Bestand all das ist, was Menschen machen. Es ist die Erfahrung, dass diese Welt nicht heil ist. Und das Schwerste ist, in solchen Tagen und Stunden glauben zu können, dass da ein liebender Gott ist, "der die ganze Welt geliebt hat", wie wir es an Weihnachten gepredigt und gehört haben.
Es ist die erschreckende Seite Gottes die wir im Augenblick erfahren, die Seite die wir nicht mögen, und schon gar nicht verstehen.
In solchen Stunden können wir nur eines tun, uns nämlich an die andere Seite Gottes erinnern, an die Seite des offenbaren Gottes. Und die hat in Jesus Christus ein menschliches Gesicht bekommen. In seine Arme wollen wir fliehen, und in unseren Gedanken und Gebeten diejenigen mitnehmen, die leiden, die trauern, die weinen, schreien und klagen. Das Heil ist nur im Glauben zu finden an Christus den Heiland der ganzen Welt.
So stehen wir heute Abend an der Seite all der Menschen die trauern oder um geliebte Menschen bangen. Wir sind bei denen die in Ungewissheit leben, ob sie ihren Angehörigen noch einmal wieder sehen werden. Für Sie wollen wir beten und an Sie wollen wir denken.
Und wir sind auch an der Seite der Geretteten, die noch einmal davon gekommen sind. Für ihre Rettung wollen wir Gott danken.
Beten wollen wir auch für die Regierungen, die die Hilfe koordinieren müssen, und die Hilfsorganisationen die sich bereits in Gang gesetzt haben um das erste Leid aufzufangen und die Not zu lindern. Auch für die Reiseunternehmen lasst uns beten, die die Rücktransporte der Touristen organisieren und koordinieren. Lasst uns aber nicht nur mit Worten und Gebeten Anteil nehmen, sondern auch mit Taten. So bitte ich Sie heute Abend um eine Kollekte für die Katastrophenhilfe, die wir am Ausgang einsammeln wollen. Wir haben außerdem die Nummern der Spendenkonten auf den Liedzetteln abgedruckt. So können Sie auch weiterhin Gutes tun in den nächsten Tagen.
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht sind es die Bande der Mitmenschlichkeit die eines Tages uns mit Asien verbinden werden, die stärker sein werden als alle ökonomischen und kommerziellen Bande. Bande der Nächstenliebe die uns alle retten vor dem Ertrinken in den Fluten des Zeitgeistes.
Wir wollen jedoch nicht aus Berechnung geben oder aus einer Gönnerhaltung heraus. Lasst uns dagegen unsere Herzen und Hände öffnen aus Liebe zu vielen Menschen die uns jetzt brauchen.
Der Herr unser Gott segne die Menschen in den Ländern Asiens und Afrikas, der Herr segne Deutschland und die Länder Europas, er segne alle Menschen guten Willens in allen Ländern und Kontinenten der Erde. Er segne uns und schenke uns ein waches Gewissen, dass wir füreinander einstehen und einander helfen die Lasten zu tragen, die einer alleine nicht tragen kann.
Er schenke uns das Vertrauen, dass er auch und gerade in dieser erschütternden Katastrophe alle Menschen mit Namen kennt, und sie dann ruft wenn er es will, auch wenn wir es nicht verstehen. Er schenke den Verzweifelten Menschen solche Mitmenschen, mit denen sie ihren Schmerz teilen können. Er schenke uns allen die Erfahrung, dass am Ende aller Dinge, dennoch seine Liebe steht.
Amen.
(Karl-Heinz Wendel, Dekan FFB, 28.12.2004)